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Berlins bekannteste Dragqueen: Daphne de Baakel
Interview mit einer schillernden Figur, der MuFuTu!

Herbst 2005

M. Patrick: Hallo....

Daphne de Baakel (mit Handtuch auf dem Kopf, riesengrosser Sonnenbrille im Gesicht, teilweise noch Rasierschum im Gesicht & Blümchenbademantel an): Grüaaazi! Ich bin noch nicht ganz so weit, aber komm erstmal rein!


Bild von Interviewvideo abfotografiert 8-D

(Luftküschen links! Luftküschen rechts!)

M: Klasse! Sensationell!

D (lach): Es nützt ja nichts! Was soll ich machen!?

M: SENSATIONELL!

Nach einer kleinen Pause geht es im Badezimmer weiter, während Daphne de Baakel sich schminkt:

M: Es gibt ganz viele Menschen, die finden dich ganz toll, Daphne!

D (lacht): Ich hoff´s!

M: Unter deinen Fans sind bestimmt auch ein paar Junge, die sich fragen "Wie macht man das mit dem Schminken?" Hast du ein paar Daphne-Spezialtips für Menschen, die vielleicht 16, 17 oder 18 sind und die sich auch mal so schminken und stylen möchten? Auf was muss man achten?

D: Ich glaube es gibt keine Daphne-Spezialtips. Das Wichtigste ist Authentizität. Also nichts kopieren, nichts nachmachen. Sondern seinen eigenen Stil entwickeln. Was ich jeder Transe, Fummeltriene oder Dragqueen raten kann ist: Sich von Anfang an selbst zu schminken und auch richtig mal den Mut zu haben auch mal scheiße auszusehen. Ich meine, wenn ich mir überlege, wie ich Ende 98 aussah, als ich angefangen habe und die Fotos heute seh: Grauenhaft! Da gibt es überhaupt keinen Vergleich zu heute!

(Shiv-ah kommt ins Badezimmer spaziert....)

D: Oh Shiv-ah, komm doch gerade mal mit ins Bild!

Shiv-ah : Ooops!

D (freudig): Ja, wir leben hier in einer großen Kommune!

Shiv-ah (steht vor der Toilette): Stell du dich bitte vor mich! Der filmt hier!

SMeralda: Wieso soll ich mich da vorstellen!? Stell dich nicht so an!

D (lacht): Das ist ein sehr schönes Zeitzeugnis, was hier gerade produziert wird! Traumschön!

Shiv-ah (sitzt auf der Toilette): Daphne verdeckt mich!

D: ...zurück zum Thema: Bei der Authentizität ist es wichtig sich selber zu schminken. Weil nur so kann man ein Gefühl für sich und sein Gesicht entwickeln und kann auch aus Fehlern lernen. ...und alle die, die sich von Anfang an schminken lassen sind irgendwann aufgeschmissen, wenn keiner zum Schminkenhelfen da ist! Deshalb: Einfach ausprobieren, sich gutes Theater-Make-up, also keinen zu billigen Schingel-Schangel und auch nichts zu teures Überkandideltes, sondern gutes Theater-Make-up besorgen und die passenden Stifte und Pinsel dazu und einfach ausprobieren. Das ist der beste Tipp den ich geben kann! ...und wenn man mal scheiße aussieht, dann wird man das nächste Mal genug Wert darauf legen um besser auszusehen!

P: Klasse! ...und wie lange kann das dauern bis Daphne de Baakel im vollen Styling fertig gemacht ist?

D: Also, das kann in 5 Minuten gehen. Es kann aber auch in 2 Stunden sein! Also es kommt darauf an, wie ich mich zurechtmache, ob ich neue Sachen ausprobiere. Heute zum Beispiel probiere ich ein neues Make-up aus, das dauert dann immer ein bisschen länger.

P: Aha!

D: Einfach weil es anders ist. Da dauern die Handgriffe ein bisschen länger. ...und oft wie ich Lust habe! Es gibt Tage, da setze ich mir ne Sonnenbrille auf und schmink mir die Lippen dick und das war´s dann. ...und es gibt halt auch Tage, wo ich mir super lange Mühe gebe und mich herrichte. Das kommt immer darauf an zu welchem Anlass; wie ich aussehen muss, was ich machen muss und wie viel Bock ich habe.

P: Klasse! ...und heute gehst du als Daphne de Baakel!? ...bist du Daphne de Baakel!?

D: Genau! Heute bin ich Daphne de Baakel.

P: Unterscheidest du das auch ganz stark: Dein Auftreten als Nonne und Daphne de Baakel oder vermischt sich das bei dir auch irgendwie ein bisschen?

D: Also die Leute vermischen es. Leute die mich als de Baakel kennen und als Nonne kennen, die ziehen da jetzt nicht so die großen Linien. Aber ich versuche das schon von einander zu trennen. Als Nonne bin ich ein Team-Mensch, ein Ordensmensch, der im Team arbeitet, der im Team funktionieren muss. ...und als de Baakel bin ich doch eher ne Einzelkämpferin, auch wenn ich mit anderen auftrete und Shows organisiere, bin ich als de Baakel doch eher ne Einzelkämpferin.

P: Aha.

D: Das ist jetzt auch gar nicht so negativ gemeint, wie es vielleicht rüberkommt. Aber ich bin als Figur erstmal alleine. Es ist eben nicht "Die de Baakels", sondern es ist eine Daphne de Baakel. So! ...und beim Orden sind es eben "Die Nonnen". Da tritt man ganz klar von außen erkennbar als Gruppe auf; man arbeitet auch im Team als Gruppe und das ist für mich schon etwas ganz anderes! Zumal ich als Nonne nur ehrenamtlich arbeite und als de Baakel durchaus nicht nur ehrenamtlich arbeite. Ich mache auch als de Baakel viel ehrenamtlich, aber längst nicht so viel wie als Nonne!

(Daphne lutscht und befeuchtet lange ihren Lippenkonturenstift)

M: Jetzt noch ne kurze Frage zu den Nonnen: Was hat dich dazu bewegt bei den Nonnen mitzumachen? Es gibt ja viele Dragqueens und nicht alle sind ja bei den Nonnen! Wie ist es dazu gekommen?

D: Es machen eigentlich fast gar keine Dragqueens bei den Nonnen mit oder gar keine Tunten. Also ich bin neben zwei Postulantinnen, die vorher auch schon viel im Fummel unterwegs waren und Show gemacht haben, die einzige die wirklich beides macht, die im Fummel unterwegs ist und auch als Nonne unterwegs ist und arbeitet. Ich bin damals gefragt worden. Ich habe damals die deutsche Ordensgründerin kennen gelernt, Mutter Johanna. ...und die hat gesagt "Mensch Daphne, ich finde dich so toll, so skurril, du musst unbedingt Nonne werden!" ...und da habe ich gesagt "Ok. Ja. Hm. Ok." Ich hatte die Nonnen auch schon mal gesehen und hatte mir gedacht "Na gut, ich guck mir das einfach mal an, wie das ist, was die machen." Ende 2000, um die Weihnachtszeit muss das gewesen sein, ein Stück vorher eventuell schon. Jedenfalls war es Winter, das weiß ich, da war ich mal zum Essen eingeladen, mit anderen Ordensmitgliedern zusammen und habe eben ein paar mehr Leute kennen gelernt und habe mich damit beschäftigt. ...und habe dann festgestellt, dass es eine Arbeit ist die mir viel Spaß bringen könnte. Ich habe es dann ausprobiert und habe dann auch festgestellt, es bringt mir auch sehr viel Spaß! ...und das ist für mich ein schöner Ausgleich. Der Orden an sich ist ein kompletter Gegenentwurf zu dem Leben was man normalerweise lebt.

M: Aha.

D: Normalerweise ist man Einzelkämpfer, sorgt für sich, dass man seine Schäfchen im Trockenen hat und dann guckt man auch nach anderen, wenn man sich überhaupt engagieren will. Guckt ob man auch anderen helfen kann. ...und der Orden ist eben von Anfang an ein Gegenentwurf. Da geht es eben nicht darum wer ist die schönste, geilste und tollste Nonne! Wer hat das beste Make-up und wer hat den schönsten Fummel. Sondern da ist es einfach so, dass man sich gegenseitig hilft, gegenseitig da auch Schminktipps gibt. Weil das Nonnen-Make-up auch ein ganz anderes ist, als das normale Make-up. ...und man lebt eben und arbeitet eben als Gemeinschaft. Also wir sind nicht soweit, dass wir in einem Kloster wohnen...

M: Aha.

D: ...aber es hat schon viel mehr gemeinschaftliches. ...und es steht auch viel mehr im Vordergrund, den Menschen vorzuleben "Es gibt eben etwas anderes, als ´Ich muss immer der Erste sein!´. Sondern wir arbeiten gemeinsam für ne gute Sache!"

M: Hmm

D: ...und das hat mich einfach überzeugt. Ich empfinde es als einen schönen Ausgleich, zumal es für mich eine schöne Sache ist, wo ich meinem Publikum, das de Baakel toll findet, Danke sagen kann. Was kann ich dem sonst geben? Nicht viel! Ich kann Shows machen und krieg dafür Applaus und werde gebucht und kriege Briefe ´Ach Mensch, das war so toll!´. Ich kann aber dem Publikum nicht richtig danke sagen. ...und für mich ist eben die Nonnentätigkeit auch durchaus ein Weg, mich beim Publikum, welches mich zu dem gemacht hat was ich bin, zu bedanken! Ne de Baakel ohne Publikum ist witzlos, das interessiert keine Sau. Ne de Baakel, die nicht fotografiert wird, die nicht interviewt wird (lächelt in die Kamera), die nicht gefilmt wird bringt nichts. Ich kann mich zu Hause in meinen Fummel schmeißen, das ist schön, damit kann ich auch Spaß haben, aber für mich als Künstlerin oder künstlerisch tätige Tunte und auch gesellschaftlich engagierte Tunte nützt das nichts. ...und indem ich eben versuche den Leuten bewusst zu machen, dass sie sich bewusst entscheiden müssen wie sie mit sich und ihrer Sexualität umgehen, welches Maß an Risiko sie eingehen wollen und welches Maß an Verantwortung sie anderen gegenüber tragen wollen, indem ich also versuche ihnen das als Nonne nahe zu bringen, sage ich auch ´Danke!´
Ich wünsche mir natürlich, dass mein Publikum auch weiter besteht und dass die Leute weiterhin Freude am Leben haben und dass sie auch weiterhin mein Publikum bleiben. Das muss ich ganz ehrlich sagen, das ist nicht nur Uneigennutz, sondern da ist auch ein bisschen Eigennutz dabei. Klar!

Ich habe ein Publikum und möchte, dass es lebt!

...das ist schön für mich, weil ich mein Publikum behalten kann und hoffentlich auch schön für mein Publikum, wenn sie weiterleben können und das unbeschwert, OHNE Pillen zu fressen!

M: Sehr klasse! Möchtest du dich jetzt fertig schminken oder sollen wir gleich weitermachen?

D: Ich möchte mich jetzt kurz zu Ende schminken, ja!

M: Ok.

(Einige Zeit später. Jetzt werden als krönender Schminkabschluss die Wimpern geklebt:)

D (haucht den Kleber auf ihren ellenlangen Wimpern an): Mal kucken ob sie da halten wo sie sollen.... Das ist die große Frage!

(Daphne klebt die erste Wimper....)

D: Das ist immer so das I-Tüpfelchen! Ich habe ja jahrelang überhaupt keine Wimpern benutzt, aber die Wimper am Auge ist so das I-Tüpfelchen, durch die das ganze noch mal verschärft wird.

M: Ja!

D: Ich habe das jahrelang nicht für möglich gehalten und immer gedacht ´Häh! Ne! ...und häh! Ach nö!´ ...und ich wusste auch nicht wie´s geht. Ok, wenn der Kleber ins Auge kommt, dann brennt das so höllisch. Ich frag mich immer, wie man einen Wimpernkleber herstellen kann, der nicht im Auge brennt, aber wahrscheinlich gibt es keinen Klebstoff der anders funktioniert.

 

M: Was du machst ist ja eigentlich eine uralte Kunst!

D: Ja, das gibt es in den verschiedensten Kulturen. Also das gab´s bei den Indianern, wo werdende Schamanen oder Häuptlinge in Frauenkleidern rumrennen mussten, um eben den Stamm richtig leiten zu können und zu wissen wie sie mit Frauen umzugehen haben: Wie ist es als Frau!?

M: Genau!

D: Das Problem des gegengeschlechtlichen Kleidens fängt erst da an, wo Geschlecht definiert wird. Es gab sicherlich auch Zeiten in der Menschheit, besonders in den Anfangszeiten, wo Geschlecht nicht mit der Kleidung verbunden wurde. Wo einfach jeder nen Lendenschurz und jeder nen Pelzjäckchen getragen hat, oder wie auch immer.

M: Zustimmend: Hmhm

D: ...und erst durch diese starke Definition ´Was ist Mann!´, ´Was ist Frau!´, ´Was ziehen Männer an!´ und ´Was ziehen Frauen an!´ Erst dadurch ist das auch richtig erst möglich geworden. Wenn das egal ist ob ich Make-up trage, wenn also Schminken keine weibliche Eigenschaft ist, sondern einfach nur eine Eigenschaft ist, sich schön zu machen, dann funktioniert das nicht. Aber sowie ich das einer Geschlechterrolle zuschreibe, ab dem Moment fängt das an interessant zu werden, sich gegengeschlechtlich zu kleiden!

M: Ja.

D (Kuckt mich mit den frisch geklebten Wimpern an und klimpert wie im besten Kinofilm mit den riesigen Wimpern): Ich glaube es verstellt die Optik nicht zu sehr! Oder? Ich glaube es geht!

M: Toll!

D: Danke!

M: Klasse! Ja!

(Jetzt geht das Interview, nach einem Ortswechsel auf die Couch im Wohnzimmer, mit einer perfekt gestylten Daphne de Baakel weiter....)

M: Unterscheiden sich die Berliner Tunten von anderen Tunten? Zum Beispiel aus Amerika oder aus Paris oder aus Australien?

D: Ja! Klar! Also jede Stadt hat ihre Eigenart was Tunten angeht. Oder nennen wir es mal anders: Jede Stadt hat ihre Eigenart was Männer in Frauenkleidung angeht! Weil die Schwierigkeit ist immer so: Viele Tunten nennen sich Dragqueens oder Fummeltrienen oder, äh, Tucken oder wie auch immer. Die Begrifflichkeiten… oder Crossdresser gibt es auch. Also, die Begrifflichkeiten, die es da gibt um dieses Phänomen zu beschreiben sind sehr vielfältig.
Ich würde mich eben als Tunte bezeichnen. Das drückt für mich eben auch aus, dass man sich zusätzlich im Fummel gesellschaftlich engagiert, dass man sich eben ins politische Geschehen einmischt, wenn man die Gelegenheit dazu hat. Dass man eben gegen Diskriminierung angeht und so weiter und so fort. Das ist für mich ganz wichtig! Also ich bin nicht nur Fummelträgerin zum Selbstzweck oder weil ich da irgendwie toll aussehe und im Glitzer Show machen will, sondern ich bin in diversen Vereinen. Die Nonne jetzt mal ausgeklammert!

M: Ja!

D: Weil das ist ein ganz spezielles Ding und das ist ja auch weltweit ein Phänomen.
Jetzt aber als Fummeltriene, da bin ich in diversen Vereinen und auch ehrenamtlich. Ich bin zum Beispiel bei Elledorado e. V., das ist ein lesbisch-schwuler Förderkreis. Da bin ich im Beirat. Also wir entscheiden welche Projekte wir fördern, welche Projekte von uns Geld kriegen und so. Also das ist für mich ganz wichtig und das schwingt für mich auch in dem Wort Tunte mit!

M: Aha!

D: Dazu bezeichne ich ja noch zusätzlich als MultiFunktionsTunte,

die MuFuTu,

ähm, eben weil ich eben sehr viel mache! Ich bin im Orden aktiv, ich bin bei Elledorado aktiv, ich bin beim Teddy e.V. aktiv, ich mach Show, ich mach Benefizgeschichten, ich mach Moderation, und irgendwann fragte ich mich ´Sag mal wie nennste dich denn jetzt!? Du brauchst irgendwas Griffiges, irgendein Schlagwort.´ Dann fiel mir irgendwann die MultiFunktionsTunte ein, ja und seit dem bin ich halt die MuFuTu.

M: Ok.

D: Ok, das ist ein kleiner Marketinggag, aber es kommt gut an! Es gibt ganz viel Leute die mich anreden ´Ach, du bist die MuFuTu!´. Das ist ganz witzig! Das funktioniert!

M: MuFuTu oder Daphne de Baakel?

D: Also:

Daphne de Baakel

(zeigt mit den Fingern:) MuFuTu

M: Ok.

D: Da gab´s doch diesen tollen Film "Die Sonnenallee" mit dem MuFuTi, der Multifunktionstisch, dieser DDR-Tisch, den man hoch und runter kurbeln und gross und klein machen konnte. ...und ich fand MuFuTi so toll und dachte ´Mach doch mal MuFuTu!´.

M: Klasse! Ja! Gehst du auch so in vollem Outfit auf die Strasse?

D: Ja!

M: U-Bahn...

D: Ja!

M: Man muss ja dazusagen, dass du hier in Berlin in einem, mir wurde mal gesagt ´Sozialer Brennpunkt´, wohnst!

D: Hat den Vorteil, dass die Wohnungen groß und billig sind! Kann den Nachteil haben, dass es ein bisschen schwieriger ist auf den Strassen, aber mir ist bis jetzt, klopf auf Holz (in diesem Falle Kopf), da noch nichts passiert.

M: Also du gehst so auf die Strasse raus und...

D: Ja! Ich begreife das auch als einen Teil, des ´mir selbst gestellten Auftrags´.

M: Aha.

D: Also, ich bin eben auch Fummeltriene und Tunte um Sehgewohnheiten zu verändern! ...und mir ist es ganz wichtig, dass die Leute, die Menschen an sich, sich daran gewöhnen, dass es Tunten gibt...

M: (zustimmend) Hmhm

D: ...das Tunten zum täglichen Leben dazugehören. Also ich geh so jetzt nicht zu Aldi shoppen! Das ist mir zu aufwendig, mich 2 Stunden zu schminken und dann zu Aldi zu rennen, oder mich auch nur 5 Minuten zu schminken ist mir zu blöd, also das mache ich nicht. ...und zur Uni gehe ich auch nicht unbedingt im Fummel. Es kommt durchaus mal vor, dass ich auch mal zur Uni im Fummel gehe und so. Also ich bin meistens schon nachts unterwegs weil ich tagsüber überhaupt keinen Bock darauf habe und es mir auch zu lange dauert. Aber wenn ich im Fummel unterwegs bin, dann finde ich es ganz wichtig, dass man dann damit ganz selbstverständlich rausgeht!

M: Ja.

D: Das die Leute einfach sehen ´Ok! So etwas gibt es!´ So etwas gibt es in Berlin sogar ganz viele! Nur so kann ich erreichen, dass die Leute das kennen lernen und hoffentlich auch irgendwann auch tolerieren und akzeptieren. Es gibt ganz viele die tun es. Es gibt ganz viele, die haben ihre Schwierigkeiten damit. Aber wenn man nie in Berührung damit kommt, dann haben die Leute ja gar keine Chance, das zu akzeptieren. Mary & Gordy war ja reine Show im Fernsehen und das war Travestie, das hat nichts mit dem täglichen Leben zu tun. Keiner rechnet damit Mary mit nem Marmeladenglas auf der Strasse zu treffen! So! Damit rechnet keiner! Das macht sie auch nicht! Aber ich finde das schon wichtig, dass man, das was man verkörpert, das was man ist, offensichtlich zeigt, lebt und sich dafür nicht versteckt! Also mir ist es nicht peinlich im Fummel rumzurennen. Mir macht das sehr viel Spaß! Ich habe da sehr viel Freude dran! Ich verdiene damit teilweise auch Geld. ...und deswegen muss ich mich nicht schämen. Deswegen bin ich der Meinung, das darf auch jeder sehen und mitbekommen!

M: Weil du gerade Mary & Gordy gesagt hast: Gibt es Personen, die dich in deiner Jugend, Pubertät, wie auch immer als Vorbild geprägt haben? Divine, die aus den Andy Warhol-Filmen,... Oder garnichts?

D: Im Prinzip garnichts. Also ich bin in der 4. Klasse das erste mal im Fummel zum Fasching gegangen, als ´feine Dame´ und das war das erste mal, dass ich mich bewusst entschieden habe, als Frau unterwegs zu sein. Mittlerweile würde ich behaupten, ich habe mich bis auf das eine mal, zweimal vielleicht, weil ich später noch mal als Ballerina zum Fasching gegangen bin.... Ansonsten würde ich behaupten,

ich habe mich noch nie als Frau verkleidet!

Ich verkleide mich auch nicht als Frau, das ist für mich ganz wichtig, sondern ich ziehe mich als Tunte an!

M: Aha!

D: Das ist für mich ein Unterschied: Ich bin keine Frau! Ich möchte auch nicht als Frau wahrgenommen werden! Deswegen rasiere ich mir auch nicht die Brust. Deswegen verstelle ich nicht die Stimme. Ok, mein Gestus ist eh schwul! Der ist jetzt vom Frauengestus nicht so weit weg. Ich weiß das jetzt nicht. Es gibt auch Leute, die meinen, ich hätte Platzhirschgehabe und wirke sehr männlich...

M (lacht)

D: Ich kann das schwer beurteilen. Sich selbst zu reflektieren ist immer sehr schwierig. Aber mir ist zum Beispiel ganz wichtig, dass ich mir nicht meinen Schwanz wegklemme -ich push ihn auch nicht extra auf-, dass ich mir nicht die Brust rasiere, dass ich mir nicht die Beine rasiere, und dass ich eben trotzdem mit nem Minikleid gehe und man sie sieht durch die Strumpfhose! Das ist mir ganz wichtig! Also insofern würde ich behaupten, ich habe mich noch nie als Frau verkleidet!
...und richtig Vorbilder: Ich habe Mary & Gordy gesehen in den 80ern, als kleines Kind und fand das toll und fand das lustig! Gordy immer besser als Mary! Mary sah zwar immer besser aus aber Gordy hatte immer die bessere Ausstrahlung, auch so im Fernsehen. ...und ich fand das schon ganz witzig. Aber ich glaube nicht, dass mich das so stark geprägt hat.
Ich glaube, das ist aus mir selbst heraus entstanden. Dann lag das jahrelang brach und ist dann erst wieder, als ich 97 nach Berlin kam, zum Vorscheion gekommen. Ende 98 habe ich erst wieder Fummel getragen. Also ich habe jahrelang keinen Fummel getragen. Ich habe mal ein Theaterstück gespielt, wo ich ne Rockrolle hatte. Das war aber auch so geschrieben, dass eben der und der, der diese Rolle spielt, eben auch die Oma spielt. ...und da habe ich halt die Oma gespielt, da hatte ich ne Rockrolle gehabt. Das hat mir auch sehr viel Spaß gemacht, mich da zurechtzurüschen auf ´alte Oma´! War sehr witzig, kam auch sehr gut an beim jugendlichen Publikum, oder besser gesagt beim Kinderpublikum, das war ein Kinderstück. Aber sonst hatte ich im Fummel nichts großartig gemacht! ...und Fasching war dann irgendwann kein Thema mehr. Ich bin in Norddeutschland groß geworden, da macht man´s für die Kinder und ab der 7. Klasse macht man kein Fasching mehr. Das ist keine Tradition in Norddeutschland.

M: Ja.

D: Da war also keine Gelegenheit sich da groß aufzubrezeln. Das kam erst wieder in Berlin. ...und klar hier habe ich durchaus Mentorinnen und Förderinnen gehabt unter den Fummeltrienen. Also KoRa van Tastisch zum Beispiel ist die die mich überhaupt dazu gebracht hat wieder Fummel anzuziehen und damit anzufangen.

M: Aha!

D: Von der habe ich auch meine erste Perücke abgekauft. Von der hatte ich mir Schminke geliehen und die hat mich durchaus auch geprägt. Wir haben unterschiedliche Entwicklungen durchgemacht. Ich habe mich dann eben auch emanzipiert von KoRa, habe von ihr gelernt und auch durchaus Dinge anders gemacht.
Gaby Tupper ist für mich auch ganz, ganz wichtig gewesen in meinem Prozess zur Tunte! Hat mir unheimlich viel inhaltlich beigebracht. Was es bedeutet und vor allem was für eine Verantwortung man auch hat. Es ist ja nicht nur so, dass ich mich einfach nur bunt anmale und die Leute mich toll finden, sondern die Leute achten plötzlich auch darauf, was ich sage!

M: Ja!

D: So, wenn ich jetzt als Fummeltriene hergehen würde und behaupten würde ´Fickt immer ohne Gummi! Das ist viel geiler!´ würde ich mich da auch versündigen, weil im Zweifel legen die Leute darauf was ich sage größeren Wert, als auf irgendjemand anderes, der nicht heraus sticht aus der Masse!

M: Genau!

D: ...und mit dieser Verantwortung muss man umgehen!

M: Ja!

D: ...und das muss man lernen! Das ist einem am Anfang gar nicht so bewusst! Wie gesagt, ich habe nicht Fummel getragen um berühmt zu werden, sondern ich habe Fummel getragen, weil es mir Spaß gemacht hat und weil ich eben Fummeltrienen kennen gelernt habe. Und irgendwann merkt man einfach, dass einen die Leute zitieren! Oder sagen ´Du hast neulich das und das gesagt!´ ...und ich hab gedacht: ´...Häh! ...und ich kenn den gar nicht richtig! ...und der kommt auf mich zu!`
...und da hat mir Gaby sehr, sehr viel geholfen und dann ganz klar Vera Titanic und Vechta Varblos, die beiden von den AlDis. Ich habe die ersten Fummelgeschichten.... Das erste und zweite Mal habe ich alleine gemacht und dann aber eben Vera und Vechta kennen gelernt und wir haben zu Dritt die AlDis gemacht und sind jahrelang damit aufgetreten und treten nach wie vor noch auf. Nicht mehr so regelmäßig wie früher. ...wir haben eben Supertrash-Geschichten gemacht. Also wirklich ganz trashige Geschichten, die aber alle nicht nur blöd trashig waren, sondern die auch ne Botschaft transportiert haben.

M: Ja.

D: So dieses ´Wir sind auf der Bühne und haben gemeinsam Spaß!´ Dieser Spaß kommt rüber. Es ist wichtig ´Ihr müsst euch wohl fühlen wenn ihr Fummel tragt´ und auch immer so der eine und andere Beitrag zum politischen Weltgeschehen. Vera kennt sich da ganz gut aus! Wir haben Lieder ausgesucht, die etwas bedeuten oder für uns zumindest etwas bedeuten. ...und ob das beim Publikum dann immer so gut ankommt, das ist die Frage! Also wichtig ist in erster Linie: Das Publikum soll einfach Spaß haben, soll sich freuen, soll sich entspannen. ...und wenn es dann eben sich wohl fühlt und entspannt ist, dann kann man auch mal die eine und andere Botschaft mit reinpacken; in der Hoffnung, dass sie auch ankommt, weil wenn jetzt jemand gestresst ist, dann ist so und so keine Empfängnis für Botschaft!

M: Ja.

D: Also man kann über den Fummel, über seine Tätigkeit als Tunte, über seine Show durchaus den Leuten schon etwas mitgeben!

M: Natürlich!

D: Das muss man halt einfach lernen! ...und das muss ich schon sagen, da haben mich schon sehr viel geprägt hier in Berlin! Auf jeden Fall! Ich habe da jetzt keine großartig kopiert oder so. Als ich zu Gaby gesagt habe ` Gaby, Gaby hilf mir beim Schminken!´ und Gaby dann gesagt hat ´NEIN Daphne! Du musst lernen dich selbst zu schminken! Du musst deinen eigenen Stil entwickeln! Weil, wenn ich dich schminke, dann lernst du es nie!´ ...und wenn du einmal perfekt ausgesehen hast und dich dann einmal selber schminkst und scheiße aussiehst, dann kommt das beim Publikum viel schlechter an, als wenn du erstmal relativ doof aussiehst aber dich im Laufe der Zeit verbesserst!

M: Ja, genau und ist ja auch schön, wenn man sich entwickelt und dann auch mal sagen kann ´Ja, ich habe Daphne auch schon so und so gekannt!´

D: Ja! Es gibt auch ganz viele, die sich beschweren und sagen ´Ach, um Gottes Willen´ und ´Sie wird immer mehr Glamour!´, ´Sie wird immer mehr Glitzer!´ Früher hatte ich noch keine Wimpern geklebt, früher hatte ich noch keine Ahnung wie man richtig schattiert! Wie man ein Auge schminct. Also es war alles sehr hausbacken und ich sah halt aus wie ne Schlachtersgattin auf Ecstasy. ...und das fanden viele Leute halt sehr lustig und komisch und haben ihre Freude daran gehabt. Ich habe mich halt einfach auch immer weiter emanzipiert von meinen Begleiterinnen, hab von ihnen viel aufgenommen, hab von ihnen viel gelernt, habe mich von ihnen auch zurecht weisen lassen. Es gibt durchaus Leute die mir öfters mal in die Rippen getreten haben und gesagt haben ´Daphne, so geht das nicht! Daphne du kannst dich nicht verhalten wie ne Axt im Walde! Das geht nicht! Du hast ne Verantwortung!´ Das versuche ich mir zu Herzen zu nehmen und das mache ich auch, aber immer klappt´s nicht! Ich dreh auch mal durch! Ab und an! ...und das ist auch ok! Ich möchte eben über diesen Fummel den Spass nicht verlieren! Das ist für mich immer ganz wichtig: Es muss ne spassige Geschichte bleiben!

M: Ja!

D: Ja, aber es gibt eben auch viele, die sagen ´Daphne hat sich so und so entwickelt und hat uns verraten!´ Weil sie macht eben nicht mehr nur Kreuzberger Hinterhof, sondern mittlerweile Homodisko in Mitte und so weiter und so fort! Wo ich immer denke ´Ne! Das ist nicht so! Natürlich mache ich nicht mehr so viel Kreuzberger Hinterhof und natürlich mache ich mehr Homo-Disko in Mitte. ...und natürlich sehe ich auch anders aus! Aber das ändert ja an meinen Inhalten nichts!

M: Ja.

D: Das Publikum im Kreuzberger Hinterhof kennt mich! Das Publikum weiß was ich ihnen mit auf den Weg geben möchte!

M: Ja!

D: Ob es angekommen ist, ist immer ne andere Sache! Aber die kennen mich, die wissen was ich mache. Denen habe ich ganz viel schon erzählt. ...und ich verstehe es durchaus auch als meine Aufgabe anderen Leuten, wenn ich der Meinung bin, dass ich ihnen etwas mitzuteilen habe, meine Aufmerksamkeit zu widmen. Das finde ich durchaus legitim, wenn man sich dadurch nicht korrumpieren lässt. Und es ist durchaus legitim, sich auch weiter zu entwickeln.

M: Genau!

D: Ich finde es immer so schade und problematisch, dass viele Tuntenkolleginnen oder Fummelkolleginnen der Meinung sind ´Glamour ist unpolitisch´ und je glamouröser man ist, desto unpolitischer ist man und Trash ist politisch und je trashiger man ist, desto politischer ist man! ...und ich glaube ´Nein!´ Es ist zwar vielfach so, dass diese hochgebrezelten, Glamour-Dragqueens meistens nicht besonders politisch sind, aber trotzdem denke ich, das ist durchaus möglich, Glamour und Politik und soziales Engagement miteinander zu verbinden! ...und ich lasse mir das eben nicht verbieten! Ich lasse mir eben nicht vorschreiben ´Der Lippenstift muss scheiße aussehen! Nur dann glaubt man dir dein politisches Statement!´ Das finde ich doof! Also das sind auch Mechanismen, die ich ganz schlimm finde. Das sind ja eigentlich eher Mechanismen, die man nur andersrum kennt. Wenn zum Beispiel ein Politiker schlampig herumrennt, dann glaubt man ihm nicht!

M: Du siehst schon sehr perfekt aus! Das muss ich jetzt schon sagen!

D: Danke!

M: Das ist schon sehr perfekt!

D: Einem schlampigen Menschen nimmt man auch nicht so viel ab, als wie einem ordentlich angezogenen Menschen und das finde ich auch nicht gut! Also ich möchte jetzt nicht, dass die Leute stinken, das ist jetzt schon klar, aber nun sei es drum, ob Frau Merkel nun ne schicke Frisur hat oder ne scheußliche Frisur hat oder der Lippenstift nun passend ist zum Sakko oder so, sie ist eh ne hässliche Kuh! Mal ganz ehrlich! Für meinen Geschmack! Sie darf auch hässlich sein! Das gehört auch dazu, man darf auch hässlich sein! Es muss nicht immer alles schön und perfekt sein!

M: Ja!

D: ...und da ist es mir egal wie sie aussieht und was sie für ne Frisur hat! Ich teile ihre politische Ansicht nicht! Ich teile ihre politische Meinung nicht! Aber ich nehme sie trotzdem ernst!

M: Ja.

D: Obwohl sie, finde ich, kacke aussieht! Aber da muss man eben aufpassen! Das sind immer so Mechanismen, die ich ganz ätzend finde, wenn man zu sehr vom Äußeren ausgeht. Wenn man sagt ´Wer so und so aussieht, das geht nicht!´ und ´Wer so und so aussieht, das geht so nicht!´ Das ist schade!

M: Wie lange muss oder hat schon mal so ein Outfit halten müssen? Gibt es da Rekorde?

D: Ja, ich war auch schon mal 48 Stunden im Fummel und hab dann einfach unten abgeschminkt, mich nachrasiert und mich wieder drübergeschminkt, weil ich die Augen ganz chic fand! So ein Make-up hält schon relativ lange. Das größte Problem ist, dass durch das Schwitzen das Puder "weggefressen" wird und die Haut fettet ja auch nach und deshalb muss man immer wieder nachpudern.

M: Du hast ja auch schon sehr viel gemacht: Bühne, mit Kinofilm war ja auch etwas....

D: Ja, es gibt einen Dokumentarfilm und 2 kleine Spielfilmproduktionen und auch nen Kurzfilm von ner Studentin wo ich mitgespielt habe und noch nen Film von nem japanischen Filmemacher. Was immer ganz schön ist, weil es mal was anderes ist, obwohl ich den direkten Kontakt zum Publikum nicht missen möchte!

M: Das ist dein Weg!

D: Auf der Bühne zu stehen, zu moderieren und solche Sachen zu machen, das ist mein Ding!

M: Ja!

D: Da spürt man auch gleich ob was zurückkommt und auch was man falsch macht zum Beispiel. Was gut ankommt und was nicht gut ankommt. Wie man mit dem Publikum umzugehen hat und so, das finde ich schon ganz schön! Also das möchte ich nicht missen! Ich würde aber durchaus auch gerne mehr Filme machen! Ich finde das ist durchaus ganz schön, dass man mal die Möglichkeit hat in einem Film jemand anderes zu spielen!

M: (zustimmend) hmhm

D: Also ich bin ja immer Daphne, Tag und Nacht, mal geschminkt, mal ungeschminkt und im Film habe ich mal die Möglichkeit zu schauspielern. Ne Moderation ist ja nichts schauspielerisches, da ist man voll authentisch auf der Bühne, das ist ja kein Theater. Klar ist es ne Inszenierung, auf jeden Fall! Man inszeniert sich auf der Bühne und es gibt ein Bühnenbild und es gibt Licht und Technik, das ist schon eine Inszenierung, aber Film ist ganz angenehm, weil man mal komplett jemand anderes spielt! Wenn man eben die Businessfrau spielt, wenn man das Hausmädchen spielt. Das finde ich ganz schön, wenn man etwas anderes ist. Ich habe früher auch viel Theater gespielt und vermisse das auch ein bisschen.

M: Wenn man dich jetzt mal sehen, erleben möchte, jetzt abgesehen davon, dass man die BOX liest, was kann man da jetzt tun? Wie geht man vor, wenn man sagt ´Ok, will Daphne jetzt mal live erleben! Ich will Daphne jetzt mal sehen!´? Was macht man da?

D: Am besten schreibt man mir eine E-Mail an daphne@debaakel.de und fragt mich. Ich trete eben ab und an mal auf, aber es gibt eben nichts Regelmäßiges. Oder über Gayromeo mit mir kommunizieren daphne_de_baakel und mich fragen, wann ich wieder mal wo bin!

M: ...und du hast bei Gayromeo auch einen Fanclub!

D: Ja, aber den habe ich selber nicht gemacht. Den hat jemand anderer als Tempel der Daphne ins Leben gerufen. Das finde ich ganz lustig, ich bin da selber auch Mitglied und bekomme dann auch immer diese Nachrichten, die da verschickt werden. Da kümmert sich also jemand sehr liebevoll darum!

M: Ein großes DANKE! für das grandiose Interview!

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